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Patina

Dokumentation „Energiekunstwerk“ für die EVH in Halle

Heute, am 7. September 2018 habe ich mit meinem Kunstprojekt „Patina“ für die Energieversorgung Halle (EVH GmbH) begonnen. Für den im Frühjahr 2018 ausgeschriebenen Kunst am Bau Wettbewerb sollte ein Konzept für die partielle Gestaltung der Ferngasleitungsrohre an der Hafenbahntrasse erarbeitet werden. Meine Idee war es mittels Aufkleben tausender Kronkorken die vorhandenen Grafittis künstlerisch einzubinden. Zusätzlich erhält die Oberfläche der Rohre eine ungewöhnliche Patina und neue Glanzpunkte.

Tag 1,   7. September 2018

Erste Probeklebung. Nach einer Stunde waren ca. 160 Kronkorken am Rohr aufgeklebt. Nun werden diese Korkenflächen bis Anfang Oktober täglich wachsen. Spannend sind auch die kurzen Gespräche mit vorbeigehenden Passanten. Das erste gespräch hatte ich witzigerweise mit meinem Zahnarzt. Ein Spaziergänger mit Bierflasche in der Hand erzählte mir von einer Bierflaschensammlung in einem Haus in Afrika, welche er gesehen hatte.

Tag 2,   10. September 2018

Heute war ich ein paar Stunden vor Ort und merke, dass es auch eine Herausforderung ist im öffentlichen Raum zu arbeiten. Der Schutzraum des eigenen Ateliers fällt weg und man muss ständig damit rechnen beobachtet, bzw. angesprochen zu werden. Meist sind es interessierte Fragen und die Aktion wird positiv begrüßt. Eine Radfahrerin dachte aus dem Augenwinkel gesehen, dass ich die Rohre mit Graffitis vollschmiere und rief nur vorwurfsvoll: „Und das in ihrem Alter!“ Vielleicht habe ich ja Nachholbedarf. 😉

Neue Kronkorken sind angekommen und werden sortiert…
Ich begreife die farbigen Korken zunehmend als Pixel und bin gespannt auf den weiteren Prozess.

3. Tag,   14. September 2018

Nach einer kleinen Pause habe ich heute meine Arbeit an der Hafenbahntrasse fortgesetzt. Das Wetter war ideal und es gab wieder interessante Gespräche mit Passanten. Ein 77 Jahre alter Herr z.B., erzählte mir viel aus seinem ereignisreichen Leben…

4. Tag,   17. September 2018

Am heutigen Tag schien die ganze Zeit die Sonne und auch in den nächsten Tagen soll das Wetter hochsommerlich bleiben. Für mich eine neue Herausforderung, da bei diesem intensiven Sonnenlicht die Farben wieder ganz anders wirken und je nach Lichteinfall die Oberflächen der Korken unterschiedlich glänzen.
Übrigens der meist gesagte Kommentar zu meiner Aktion Kronkorken zu verwenden lautet bisher: „Mal was anderes…“.

5. Tag,   18. September 2018

Trotz Sonnenhut und Sonnenbrille sind bei dieser intensiven Sonneneinstrahlung maximal vier Stunden Korken kleben machbar.  Aber ich komme voran. Im Schnitt klebe ich in dieser Zeit 700 Kronkorken.  Jetzt würde ich sagen bin ich auch in meinem Vorhaben angekommen und dem Zusammenspiel von Rohr, Grafitti und Korken.

6. Tag,   19. September 2018

Heute war wieder ein sehr heißer und sonniger Tag. Ich versuche solange es geht im Schatten zu arbeiten, denn heute war es in der Sonne nicht auszuhalten. Deshalb bin ich später zu einem neuen Standort umgezogen.
Langsam kann ich auch einiges über die Nutzer der Hafenbahntrasse sagen, es sind überwiegend Mütter mit Kinderwagen, Radfahrer und ältere Menschen. Je nach Tageszeit in verschiedenen Häufigkeiten. Inzwischen begegne ich auch „alten Bekannten“, welche ich vor Tagen erstmals an der Trasse getroffen habe.

Am neuen Standort (in der Nähe des HFC Stadions) ist es etwas ruhiger. Hier gibt es mehr Radfahrer als Fußgänger.  Kurz vor Feierabend hatte ich noch ein längeres Gespräch mit einem älteren Herrn, welcher sich sehr in das Thema vertieft hat. Er wollte alles ganz genau wissen und begann mir Tipps zu geben, z.B wo ich günstiges Silikon bekomme und was ich aus seiner Sicht noch bedenken sollte. Am Ende habe ich noch gelernt, das der Kronkorken 21 Zacken hat. Früher hatte er 19 Zacken, aber damit er eine schönere Rundung beim Verkorken hat, ist man auf 21 übergegangen.

Am neuen Standort sind mir noch diese interessanten Unteransichten aufgefallen…

7. Tag,   20. September 2018

Heute habe ich die 1000er Grenze beim Korkenkleben geknackt. Dafür hat sich dann aber auch meine Daumenmuskulatur gemeldet.
Ein kleines Kind hat heute die Korkenoberfläche des Rohres als Fühlbild entdeckt…

8. Tag,   21. September 2018

Heute hatte ich Unterstützung von einer Freundin und so haben wir eine große Fläch mit Korken bekleben können. Vielen Dank dafür! 🙂
Ziemlich „spacig“ die neue Fläche, leider schwierig zu fotografieren, deshalb lieber mal vor Ort anschauen gehen!

9. Tag,   24. September 2018

Für den heutigen Tag gibt es viel zu berichten! Punkt eins der Wetterwechsel. Habe ich letzte Woche noch über die Hitze und die unerbittliche Sonne geklagt, habe ich sie heute schmerzlich vermisst. Es war wirklich kalt und der eisige Wind tat sein übriges, um deutlich zu machen, dass jetzt der Herbst begonnen hat. Aber Augen zu und durch.
Nach einiger Zeit kam ein schimpfender Mann, welcher mir vorwarf Eigentum der Stadt Halle zu beschädigen. Mein Zuruf, dass ich ihm den Vertrag mit der EVH zeigen könne, brachte keine Wirkung. Er wollte in sein Bild über mich nicht ändern. Mein „alter Bekannter“ der gerade zufällig vorbei kam, bot mir gleich an sich um die Sache zu kümmern und ich solle ihm ruhig Bescheid sagen, wenn mal wieder einer pöbelt. „Ich finde gut was du machst.“ sagte er noch.

Übrigens habe ich heute den ersten Standort beendet! Und weiter gings dann noch zu Standort zwei – dem „Silberwurm“.

Neben den silberfarbenen Korken kommen jetzt zunehmend die Farben Bronze und Roségold dazu.
Die Ruhe beim Arbeiten wärte nicht lange, heute bekam ich Besuch von der Polizei. Ein besorgter Bürger hatte gemeldet, dass jemand mit silberner Farbe an die Rohre sprühe.
Jetzt war ich froh meinen Vertrag mit der EVH zeigen zu können und die Polizisten waren froh keinen Strafantrag schreiben zu müssen. So verweilten wir noch etwas im Fachgespräch über meine Arbeit und dann zogen sie weiter. Was für eine Aufregung. Vielleicht sollte ich eine Weste tragen auf deren Rücken steht: „Ich darf das.“ Nebem dem überwiegend positiven Zuspruch, befürchte ich, dass meine Aktion einige Bürger auf den ersten Blick doch eher verunsichert…
Zu guter Letzt hat mich dann noch ein Regenschauer überrascht. Ich war nass geregnet und meine letzten frisch geklebten Korken auch. Ich hoffe, dass sie trotzdem gut halten. Meine „Schuldigkeit“ für heute ist jedenfalls getan!

10. Tag,   26. September 2018

Um weitere Polizeieinsätze zu vermeiden habe ich heute ein Projekt Schild aufgehangen. Und siehe da, es hat kein Passant gemeckert und außerdem hat sich damit die Hauptfrage erübrigt, was ich da eigentlich mache. Oft hörte ich im Hintergrund raunend: „Ah, ein Kunstprojekt.“
Die Leute konnten sich nun mehr auf die brennende Frage konzentrieren was ich da ans Rohr klebe. Der Überraschungseffekt, wenn die Menschen näher heran kommen ist immer wieder schön.

Da die Kronkorken entfernt auch an Schuppen erinnern (sollen), kamen heute erste Interpretationen wie Drache, Fisch oder Landschaft. Und genau das möchte ich erreichen. Es soll kein konkretes Bild entstehen sondern Freiraum für eigene Bilder lassen.

Mein derzeitiger Standort ist ja unterhalb des HFC Stadions und heute Vormittag hat die HFC Mannschaft trainiert. Es ist eine kuriose Geräuschkulisse, wenn man die Spieler nicht sieht sondern nur hört.

Tag 11,    27. September 2018

Das heutige Wetter war ideal zum Arbeiten. Am späten Vormittag drangen auch wieder die inzwischen vertrauten Trainingsgeräusche der HFC Mannschaft in mein Ohr. Eine Passantin berichtete mir, dass das Spiel am jetzigen Samstag abgesagt werden musste, da nicht genug Polizeischutz zur Verfügung stehe. Und dass, wenn man ganz viel Glück hat, ein Fussball vom Training über den hohen Zaun auf die Hafenbahntrasse fliegt. Ihr Enkel ist stolzer Besitzer eines solchen Balles. Ihrer Meinung nach sollte ich doch das HFC Logo mit einarbeiten, weil die so viele gut finden…

Tag 12,   28. September 2018

Trotz intensiven Studiums mehrerer Wetter Apps hat bei meinem heutigen Eintreffen am Ferngasleitungsrohr ein starker Nieselregen begonnen. Unmöglich für mich bei diesem Wetter zu arbeiten, da so der Kleber nicht hält. Also bleibt mir nur ein Bild vom letzten Abschnitt zu zeigen, den ich noch gestalten werde.

13. Tag,   4. Oktober 2018

Nach einer längeren Pause ging es heute bei besseren Wetter weiter. Die Farbe Gelb kommt dazu und damit gehen die metallischen Farben in buntere Farben über.
Im Mittelpunkt stand heute allerdings der ausgerufene Pressetermin durch die EVH vor Ort. Dem Aufruf sind viele JournalistInnen gefolgt und zwei Stunden waren gefüllt von Fragen und Antworten und Fotoposen. Ebenfalls mit von der Partie war mein Mitstreiter Yves Paradies, welcher seit dem 1. Oktober ebenfalls eine künstlerische Arbeit in Form eines „bewegten“ Grafittis auf die Rohre an der Hafenbahntrasse bringt.

Leider musste ich heute auch feststellen, dass bei meiner Arbeit am ersten Standort unterhalb des Aldis an der Beesener Straße frisch geklebte Korken abgemacht wurden. Wahrscheinlich in Überraschung über das klebrige Silikon wurden die Korken achtlos zu Boden geworfen und die Finger am Rohr abgeschmiert. Schade!

14. Tag,   5. Oktober 2018

Heute wurde es richtig bunt! Verschiedenste Sorten von Kronkorken erhielten ihren Platz auf dem Rohr und dank erneuter Hilfe meiner Freundin, welche mir schon einmal geholfen hat, konnten wir heute 2000 Korken verkleben! Ein Junge sagte heute: „Die machen das Grafitti neu.“
Dank der derzeitigen Medienpräsenz des Projektes und einem Zeitungsartikel in der hiesigen MZ bekommt meine Arbeit nun eine Art Legitimation. Viele ältere Leute sprachen mich an, da sie den aktuellen Artikel gelesen hatten. Mit diesem Hintergrundwissen ist eine neue Gesprächsebene möglich. Sie können das Projekt nun einordnen und sind zunehmend interessiert am weiteren Verlauf. Sogar ein älterer Herr kam vorbei (nun aufgeklärt durch den Artikel), um sich zu entschuldigen. Er hatte vor elf Tagen die Polizei alamiert, weil er dachte, dass ich illegal Grafittis sprühe. Das fand ich stark und nicht selbstverständlich.
Mein Fazit daraus ist: Die Akzeptanz und Wertung künstlerischen Arbeitens im öffentlichen Raum wird neben dem inhaltlichen Aspekt der Arbeit stark  geprägt von individueller Wahrnehmung, Aufklärung, und den Medien.

Facebookeintrag der EVH: https://de-de.facebook.com/SWH.StadtwerkeHalle/videos/154186915525915/

15. Tag,   10. Oktober 2018

Es geht voran und das Wetter zeigt sich zum Korken kleben von seiner besten Seite. Leider sind die Bilder heute etwas unscharf, da ich meine Kamera vergessen habe und das Handy herhalten musste.
Unterstützung beim Kleben bekam ich heute für eine Stunde von drei netten Damen der EVH.
Diesen Freitag werde ich zum letzten Mal zur Hafenbahntrasse kommen und nach über einen Monat mein Projekt beenden…von meiner Schwester bekomme ich dafür nochmal eine Tüte voll Korken, frisch gesammelt in ihrem letzten Hamburg Urlaub.

16. Tag,   12. Oktober 2018

Es ist vollbracht! Heute habe ich (nochmal mit Unterstützung) die letzten Korken geklebt. Es ist komischerweise ambivalent nun fertig zu sein. Inzwischen fühle ich mich mit dem Ort und dem Arbeiten „am Rohr“ verbunden, aber vielleicht geht es ja im nächsten Jahr in anderer Form weiter. Die zahlreichen Erfahrungen die ich mit diesem Projekt gemacht habe, werden auf jeden Fall in meine weitere künstlerische Arbeit einfliesen und ich hoffe, dass sich die zahlreichen Spaziergänger und Radfahrer lange an meiner Korkeninstallation erfreuen können.

Kurz bevor ich gehen wollte traf ich auf einen älteren Herrn mit dem ich mich schon vor Tagen einmal unterhalten hatte. Er fragte mich was das ganze denn nun darstellen solle. Für ihn war meine Arbeit nicht so richtig greifbar und so wurde unser Austausch und meine Erklärungen zu einer Art Abschlussgespräch. Am Ende erzählte ich ihm, dass die erste Person, welche ich beim Kleben der Korken getroffen hatte mein Zahnarzt war. Er fragte, ob ich ihm meinen Zahnarzt empfehlen könne, er suche nämlich einen. Und so schließt sich der Kreis mit der Empfehlung meines Zahnarztes und dem guten Gefühl mit insgesamt über 13.300 verklebten Kronkorken eine Menge geschafft zu haben.

Transformation

 

„Deine Brüder können erlöst werden“, sprach die Fee, „aber hast du Mut und Ausdauer? Siehe die Brennnessel, die ich in meiner Hand halte! Von dieser Art wachsen viele rings um die Höhle. Nur diese, sowie die vom Friedhof, sind tauglich. Merke dir das! Du musst sie pflücken, obgleich sie deine Hand voll Blasen brennen werden. Brich die Nesseln mit deinen Füßen, so erhältst du einen Flachs zum Spinnen. Daraus musst du elf Panzerhemden mit langen Ärmeln flechten. Wirf sie über die elf Schwäne, so ist der Zauber gelöst. Aber bedenke wohl, dass du von dem Augenblick an, wo du diese Arbeit beginnst, nicht mehr sprechen darfst. Das erste Wort, welches du sprichst, geht als tötender Dolch in das Herz deiner Brüder! An deiner Zunge hängt ihr Leben. Merke dir das alles!“ Die Fee berührte zugleich die Hand von Elisa mit der Nessel. Es war einem brennenden Feuer gleich, und sie erwachte.“

Aus „Die wilden Schwäne“ von Hans Christian Andersen.